Verleugneter Widerstand

Der österreichische Widerstand gegen den Faschismus ist ohne Zweifel einer der ruhmreichen Höhepunkte in der Geschichte der fortschrittlichen Kräfte in unserem Land. Die treibende Kraft des antifaschistischen Kampfes war die Kommunistische Partei Österreichs zusammen mit ihren Vorfeldorganisationen, wie dem Kommunistischen Jugendverband – dem Vorläufer von KJÖ und KSV.

Kommunist:innen waren mutig und richtungsweisend an vorderster Front in allen Bereichen des Widerstands gegen den Faschismus und für ein neues, freies Österreich tätig. Obwohl die kommunistische Bewegung relativ klein war, wurde sie auf Grund ihrer antifaschistischen Tatkräftigkeit die tragende Säule dieses Kampfes. Damit wurde die in der Moskauer Deklaration von 1943 gestellte Forderung der Alliierten an Österreich, „selbst zu seiner Befreiung“ mitbeizutragen, erfüllt.


Die Grundlagen des kommunistischen Widerstands haben verschiedene Wurzeln

Die Gründung der KPÖ erfolgte 1918. Inspiriert von der erfolgreichen Oktoberrevolution und getragen von den Lehren aus den barbarischen Verheerungen des Ersten Weltkriegs, in den die Welt durch den Kapitalismus (und unter nicht unwesentlicher Mitwirkung der Sozialdemokratie) gestürzt wurde, fanden sich fortschrittliche Kräfte aus unterschiedlichen Gruppen als KPÖ zusammen um eine andere Gesellschaft aufzubauen. Trotz kleiner Erfolge, insbesondere in der Arbeitslosenbewegung, war der Einfluss kommunistischer Kräfte auf die Arbeiter:innenbewegung in Österreich bis in die 1930er Jahre hinein überschaubar. Dies sollte sich rasch ändern.

Die reaktionärsten Kreise der österreichischen Bourgeoisie, hauptsächlich konzentriert in und um die Christlichsoziale Partei (CS, Vorläuferin der ÖVP), begannen die demokratischen Errungenschaften, die im Zuge der Republikgründung 1918 erkämpft wurden, ab Mitte der 1920er Jahre nach und nach zu zerstören. Unter dem Christlichsozialen Kanzler Engelbert Dollfuß schließlich wurde 1933 eine faschistische Diktatur errichtet, deren Hauptfeind die organisierte Arbeiterklasse um die Sozialdemokratie und die KPÖ war.

Nachdem der Kommunistische Jugendverband schon 1931 für illegal erklärt worden war, wurde 1933 auch die KPÖ endgültig verboten. Die Spitzen der Sozialdemokratie, die im Gegensatz zur KPÖ über eine veritable Massenbasis verfügte, verkannten die faschistische Gefahr und schwankten in ihren Positionen. Als die fortschrittlichen Teile der sozialdemokratischen Basis sich zusammen mit kommunistischen Kräften im Februar 1934 gegen das klerikal-faschistische Dollfuß-Regime zur Wehr setzten, wurden sie von der Führung der Sozialdemokratie im Stich gelassen und mancherorts regelrecht verraten.

In dieser Zeit nahm die KPÖ die sich erst im Zuge des 7. Weltkongresses der Kommunistischen Internationalen durchsetzende Orientierung der kommunistischen Bewegung vorweg. Einerseits definierte der Weltkongress den Faschismus als die offene, terroristische, in erster Linie gegen die Werktätigen gerichtete Diktatur der reaktionärsten, nationalistischsten, imperialistischsten und kriegerischsten Kreise der kapitalistischen Klasse. Andererseits legte er auf Grundlage dieser Bestimmung die Volksfrontorientierung fest. Diese sah vor, dass die kommunistischen Parteien weltweit die breitest möglichen antifaschistischen Bündnisse mitorganisieren sollten, die neben der Sozialdemokratie auch fortschrittliche Elemente aus anderen Gesellschaftsschichten inklusive nicht-faschistischer Kreise des Bürger- und Kleinbürgertums integrieren zu versuchen sollten.

Nach dem Februar 1934 (und eben noch vor dem 7. Weltkongress) öffnete sich die KPÖ organisatorisch für die von der Sozialdemokratie enttäuschten Kräfte, sowie bündnispolitisch für antifaschistische Gruppen außerhalb der Arbeiter:innenbewegung. Damit gewann die KPÖ eine relativ breite Basis und wurde der entscheidende Faktor im antifaschistischen Kampf, den sie von Beginn des Aufkommens des österreichischen bis zur Niederringung des deutschen Faschismus in Österreich konsequent anführte.

Neben der unmittelbaren Geschichte der fortschrittlichen und insbesondere der kommunistischen Bewegung in Österreich bildete der Zugang der KPÖ zur nationalen Frage eine entscheidende weltanschauliche Grundlage für den antifaschistischen Widerstand.

Nach dem Ende der Monarchie und der Gründung der Republik war in weiten Teilen der Bevölkerung unklar, welchen nationalen Status Österreich haben sollte. Dem vom relativ mächtigen multikulturellen und vielsprachigen Imperium unter der Herrschaft der reaktionären Habsburger übriggebliebenen vergleichsweise kleinem Österreich mangelte es an einem Bewusstsein seiner selbst.

In einem großen Teil des politischen Spektrums war die Meinung weit verbreitet, dass Österreich ein zwar (noch) abgetrennter aber doch ein Teil der deutschen Nation sei. Demgemäß wollte der erste Kanzler der Ersten (und erste Präsident der Zweiten) Republik, der Sozialdemokrat Karl Renner, im Entwurf der provisorischen Verfassung den neuen Staat „Südostdeutschland“ nennen („konsequenterweise“ befürwortete er später den Anschluss an Nazi-Deutschland). Auch Hans Kelsen, der maßgebliche Autor der österreichischen Verfassung, sprach vom Wunsch Österreichs, „aufzugehen im deutschen Vaterland“. Die schlimmste Deutschtümelei wurde freilich von der Großdeutschenpartei betrieben, die nach dem Anschluss in der NSdAP aufging (beide Parteien sind Vorläufer der FPÖ). Die Christlichsozialen vertraten ebenfalls die Ansicht, „gut österreichisch ist gut deutsch“, wie es Dollfuß‘ Vizekanzler Ernst Rüdiger Starhemberg formulierte.

Diese Zugänge zur Nation griffen ausschließlich auf sprachliche (obwohl es in der Österreich auch in der Zwischenkriegszeit bedeutende nicht-deutschsprachige Teile der Bevölkerung gab) und reaktionäre „schicksalsgemeinschaftliche“ Kriterien zurück.

Die KPÖ entwickelte im Laufe der 1930er Jahre eine fortschrittliche Position zur nationalen Frage aus dem Zusammenhang der Gegnerschaft gegenüber des von den anderen Parteien vertretenen reaktionären Österreichbildes, ihrer politischen Erfahrungen im auch damals vielsprachigen und multikulturellen Österreich und den aus dem 7. Weltkongress gezogen Lehren der internationalen kommunistischen Bewegung. Zu letzteren gehörte mit der Volksfrontorientierung eben die Einsicht, dass gerade aufgrund des Internationalismus und gemeinsamen weltweiten Widerstandes gegen den Kapitalismus und seine schlimmste Form, den Faschismus, die nationalen Bedingungen jedes Landes und Umstände jeder Region von der kommunistischen Bewegung und ihren Verbündeten in ihrem Kampf verstanden und ihnen gemäß gehandelt werden müsse.

So entwickelten die österreichischen Kommunist:innen die wissenschaftliche Grundlage für das Verständnis der nationalen Eigenständigkeit Österreichs als eine von Deutschland sozio-ökonomisch-historisch wie sprachlich-kulturell getrennte Nation, was federführend von Alfred Klahr formuliert wurde. Im Rahmen dieser Zugangsweise wurden von der KPÖ in der Geschichte Österreichs einerseits die fortschrittlichen Elemente wie Vielsprachigkeit und Multikulturalität sowie Ereignisse wie die Bauernaufstände des 16. und 17. Jahrhunderts, die bürgerliche 1848-Revolution, der Kampf gegen Krieg und für die Republik hervorgehoben; andererseits wurde versucht, auch an Traditionen anzuknüpfen, die eine fortschrittliche Aufhebung (im dreifachen Sinne von überwinden, bewahren, auf höhere Stufe heben) zuließen, wie gewisse Elemente der Volks- sowie der bürgerlichen Kultur.

Mit dieser Orientierung war die KPÖ nicht nur weltanschaulich gerüstet, dem österreichischen Faschismus von 1933-1938 und, – nach dem Anschluss – dem deutschen Faschismus von 1938-1945 mit einer relativ breiten Mobilisierung entgegenzutreten, sondern auch bündnispolitisch und organisatorisch. Dazu gehörten auch ihre Vorgehensweise und Struktur als illegale Organisation. Entsprechend dem Umstand, dass die reaktionären wie großdeutschen Traditionsstränge in Österreich stark ausprägt waren und – wie es in der Moskauer Deklaration heißt – Österreich „für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann“, passte der kommunistische Widerstand seine Aktivitäten an, ohne unreflektierten Patriotismus und Österreichtümelei. Man war sich der in weiten Teilen dem Widerstand entgegenwirkenden feindlichen Umwelt des kleinbürgerlich-bäuerlich-religiösen Regimefanatismus, Denunzianten- und Mitläufertums schmerzlich bewusst.

Trotz widriger Umstände engagiert sich der Widerstand aufopferungsvoll für Österreich, mit den Kommunist:innen in erster Reihe. Ihnen ist auch zu verdanken, dass die Befreiung Österreichs durch die Rote Armee mit relativ geringen zivilen Opfern und Schäden an der Infrastruktur erfolgen konnte. Dem Engagement des Widerstandes, insbesondere der KPÖ, verdankt Österreich ebenfalls den raschen Aufbau verhältnismäßig (im Vergleich mit der Bundesrepublik Deutschland) nazifreier staatlicher und ökonomischer Strukturen, sowie seine Unabhängigkeit und Neutralität. Diese Rolle der KPÖ im Widerstand und danach im Aufbau der Republik wird bis heute aus ideologischen Gründen ebenso kleingeredet wie der Löwenanteil der Sowjetunion an der Niederringung der Faschismus, dem Einhaltgebieten des faschistischen Massenmords (insbesondere der Shoah) und dem Beenden des Zweiten Weltkriegs.

Nicht lange nach dem Sieg der Sowjetunion und der antifaschistischen Kräfte über den deutschen Faschismus und der Befreiung Österreichs waren es gerade unreflektierter Patriotismus und Österreichtümelei der Sozialdemokraten und der Volkspartei, den sie auch gegen die angebliche „Russenpartei“ KPÖ in Stellung brachten und die zum österreichischen Opfermythos beitrugen. Diese blendeten die Mittäterschaft Österreichs im Rahmen des deutschen Faschismus aus und stilisierten den österreichischen Faschismus (der bezeichnenderweise selten so genannt wird) der Christlichsozialen zum Oppositionsbollwerk gegen die Nazis.

Opfermythos und reaktionärer Österreich-Patriotismus sind auch heute noch verbreitet. Ihnen gilt es genauso entgegenzutreten wie der nicht aussterbenden Deutschtümelei und dem relativ neuen auf einer angeblichen Werte- und Schicksalsgemeinschaft beruhenden „überzeugten Europäertum“. All diesen Nationalismen muss von uns ein Bezug zu Österreich entgegengehalten werden, der an die fortschrittlichen Aspekte unserer Geschichte und Kultur anzuknüpfen kann, ohne Internationalismus und internationale Solidarität aufzugeben. Ein Bezug zu Österreich, der sich bewusst in eine Tradition stellt, zu der als hausragendes Beispiel der von der kommunistischen Bewegung angeführte österreichische Widerstand gegen den Faschismus gehört.

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