Marxistisches ABC: A wie Arbeiter:innenklasse

Das Marxistische ABC stellt in jeder Ausgabe einen neuen Begriff der von Marx und Engels begründeten Gesellschaftslehre vor, auf die sich die kommunistische Weltbewegung bezieht. Es erklärt, was der jeweilige Begriff bedeutet und warum er von Wichtigkeit ist. Wir starten mit A wie Arbeiter:innenklasse.


Wie Darwin für die Entdeckung der Entwicklungsgesetze in der belebten Natur steht, so stehen Marx und Engels für die Entdeckung der Entwicklungsgesetze der Gesellschaft. Sie erkannten den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen als Hauptantrieb gesellschaftlicher und damit geschichtlicher Entwicklung.

Die Produktivkräfte sind die Menschen mit ihren individuellen Fähigkeiten und dem kollektiven Wissen, die mit Produktionsmitteln – also Arbeitsmitteln (Werkzeuge, Maschinen) und Arbeitsgegenständen (Ausgangsstoffe aller Art) – Produkte zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse erzeugen. Die Produktionsverhältnisse sind jene gesellschaftlichen Beziehungen, welche die Menschen in der Produktion ihres materiellen Lebens unabhängig von ihrem Willen eingehen, in die jede Generation hineingeboren wird.

Die Gesamtheit dieser Verhältnisse bildet die Struktur der Gesellschaft, also die „in letzter Instanz“ (Engels) entscheidende ökonomische Basis, die in Wechselwirkung mit einem rechtlichen und politischen sowie wissenschaftlichen, künstlerischen, ideologischen Überbau verschränkt ist.

Der „juristische Ausdruck“ (Marx) des bestimmenden Produktionsverhältnisses – der Stellung der Menschen im Produktionsprozess, insbesondere zu den Produktionsmitteln – sind die Eigentumsverhältnisse. Wer die Produktionsmittel, also die Bedingungen der gesellschaftlichen Produktion besitzt, kann tendenziell über alle anderen Sphären der Gesellschaft verfügen.

Hier kommen die Klassen ins Spiel. Von Lenin stammt die Definition von Klasse sowohl als Ergebnis als auch als Leitfaden für konkrete Untersuchungen von Klassenverhältnissen: „Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer andern aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft.“ (Lenin Werke 29:410)

Im Kapitalismus werden die zwei ökonomischen Hauptklassen traditionell Bourgeoisie und Proletariat, Bürgertum und Arbeiter:innenklasse genannt. Der entscheidende Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften in Klassengesellschaften besteht darin, dass gesellschaftlich produziert, aber privat angeeignet wird. Im Kapitalismus ist dies der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, also der Umstand, dass der materielle, soziale, kulturelle und wissenschaftliche Reichtum von der Arbeiter:innenklasse, dem Großteil der Menschen, kollektiv geschaffen wird, und die kleine Minderheit der bürgerlichen Klasse, da sie im Besitz der Produktionsmittel ist, nach ihren individuellen Interessen über diesen gesellschaftlichen Reichtum verfügen kann.

In Klassenkämpfen als Ausdruck dieser Widersprüche vertritt die bürgerliche Klasse ihre besonderen privaten Interessen am Erhalt der für sie profitablen Eigentumsverhältnisse und damit ein ihm dienendes chaotisches Wirtschaftssystem, in dem Mensch und Natur andauernd erniedrigt, ausgebeutet und zerstört werden, Krise und Krieg an der Tagesordnung sind.

Die Arbeiter:innenklasse auf der anderen Seite vertritt das allgemein-menschliche Interesse, dass über gesellschaftlich Produziertes auch gesellschaftlich verfügt werden soll, also ein geplantes Wirtschaftssystem, in dem die vorhandenen sozioökonomischen Möglichkeiten und der gesellschaftliche Reichtum für Mensch und Natur nachhaltig zum Wohle aller genutzt werden können.

Zwar haben sich im Kapitalismus die Klassengegensätze mit zwei Hauptklassen vereinfacht, der hohe Grad an Arbeitsteilung und die damit einhergehende Konkurrenz führt jedoch zu gesellschaftlichen Differenzierungen, die jeweils eigene soziale, kulturelle, ideologische Ausdrucksformen mit sich bringen. Die erschwerte Einsicht in die Klassengegensätze wird von der bürgerlichen Klasse auch aktiv benutzt, um die Klassenverhältnisse des Kapitalismus weiter zu verschleiern, damit die Arbeiter:innenklasse ihr gemeinsames Interesse nicht entwickeln kann. So gelingt es der bürgerlichen Klasse mittels ihrer Kontrolle über das politische System und ihrer ideologischen Hegemonie immer wieder, ihre besonderen Interessen als die aller Menschen auszugeben. Dies geht soweit, dass Teilaspekte bzw. -forderungen aus Klassenkämpfen so integriert werden, dass sie eine für den Kapitalismus ungefährliche Form annehmen.

Damit die Arbeiter:innenklasse mehr und mehr von einer „Klasse an sich“ zu einer „Klasse für sich“ werden und damit ihre Interessen immer aktiver vertreten kann, muss sie sich der Widersprüche des kapitalistischen Systems, ihrer eigenen Lage sowie ihrer sozioökonomischen Macht bewusst werden. (Ohne die Arbeiter:innenklasse läuft im Kapitalismus gar nichts, wie die Corona-Krise deutlich gezeigt hat.)

Die Arbeiter:innenklasse muss also über all ihre Differenzierungen, Spaltungen, Unterschiede hinweg, das Gemeinsame erkennen und hervorheben. Dazu müssen die drei entscheidenden Abschnitte der Klassenkämpfe der heutigen Zeit zu einer Front vereint werden: Der Klassenkampf gegen die „erste Klassenunterdrückung“ (Engels), nämlich derjenigen der Frauen; der Klassenkampf der nach Herkunft, Berufsgruppen und sozio-kulturellen Milieus höchst vielfältigen Arbeiter:innenklasse in den kapitalistischen Metropolen; sowie der Klassenkampf als nationaler Befreiungskampf der von den kapitalistischen Metropolen abhängigen neo-kolonial unterdrückten Völker.

All das erfordert politische Organisation und umfassende wissenschaftliche Bewusstseinsbildung, die es der Arbeiter:innenklasse ermöglicht, sich in den vielen unterschiedlichen Widerspruchs- und Unterdrückungskonstellationen, mit denen sie konfrontiert ist, zu orientieren, um aktiv in die verschiedenen Klassenkämpfe eingreifen und diese mitgestalten zu können. So muss die organisierte Arbeiter:innenklasse auch stets bemüht sein, mittels Überzeugungs- und Bündnisarbeit auch Schichten und Bewegungen auf ihre Seite zu ziehen, die weder eindeutig der arbeitenden, noch eindeutig der bürgerlichen Klasse zuzuordnen sind. Dies schließlich mit dem Ziel, den Kapitalismus zu überwinden, das Privateigentum an Produktionsmitteln abzuschaffen und damit „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Marx-Engels Werke 1:380)

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